Genanalysen sollen helfen, Erbkrankheiten bei Haustieren zu vermeiden
Kulleraugen und ein schönes Fell stehen bei Hundeliebhabern hoch im Kurs. Schließlich soll der Vierbeiner nicht nur brav Gassi gehen, sondern auch gut aussehen. Bei einigen Schönlingen geht die Attraktivität jedoch auf Kosten der Gesundheit: Sie tragen ein höheres Risiko für Erbkrankheiten. Inzucht und eine zu enge Auswahl von Tieren für die Zucht haben dazu beigetragen, dass sich genetische Merkmale für Krankheiten bei diesen Exemplaren häufen.
Damit das Haustier nicht vorzeitig stirbt oder erkrankt, entwickeln Tierforscher mehr und mehr Gentests. Bevor sich Hund und Hündin paaren dürfen, fahnden die Züchter mit diesen Tests nach ungünstigen Genvarianten. Positiv getestete Hunde können von der Zucht ausgeschlossen werden, so dass auf lange Sicht dadurch die Zahl erbkranker Vierbeiner gesenkt wird.
“Mittlerweile existieren für den Hund insgesamt über hundert solcher Tests, pro Rasse sind es etwa fünf bis zehn“, sagt der Genetiker Tosso Leeb von der Universität Bern. Das sei ein reges Geschäft, fügt er hinzu. Nicht nur bei Hunden, auch bei Pferden sind diverse Genchecks auf dem Vormarsch. Die meisten Tests decken Krankheiten auf, die von einer einzigen Genvariante ausgelöst werden, wie die progressive Retina•Atrophie, die Hunde erblinden lässt oder die GM1•Gangliosidose, eine Stoffwechselerkrankung, die vor allem Huskys befällt.
Dobermann•Pinscher mit einem silbergrauen oder sandfarbenen Fell leiden besonders oft an einer Hautkrankheit. In wenigen Monaten fallen sämtliche Haare aus, die Haut entzündet sich und wirft unansehnliche Blasen. Aus dem einstigen Schönling wird ein hässliches Hündlein. Tödlich ist das Erbleiden jedoch nicht. “Die Wahrscheinlichkeit für einen Hund, zu erkranken, ist je nach Rasse unterschiedlich. Beim Münsterländer erwischt es alle Tiere mit der Genvariante. Bei den Dobermann-Pinschern ist es eine Größenordnung von zwanzig Prozent. Dem Beagle macht das Gen gar nichts aus“, erklärt Leeb, der selbst einen Test für den Haarausfall erfunden hat. Vier Jahre hat die Entwicklung gedauert. Bekannte Krankheitsgene aus dem Erbgut von Maus und Mensch halfen, die Defekte beim Hund im Erbgut zu orten.
Bei den Käufern sind jedoch ausgerechnet die krankheitsanfälligen, silbergrauen Dobermann•Pinscher besonders begehrt. Daher werden sie in den USA sogar gezielt gezüchtet. Leebs Team sucht jetzt nach einem Test für silberfarbene Dobermann•Pinscher, die gesund sind. “Solche Hunde sind äußerst selten. So ein Test wäre ein echter Knüller“, sagt er. Der Genetiker betrachtet die Tests für Haustiere als “segensreiche Folge der Gentechnik, da den Tieren Leid und unnötige Qualen erspart werden.“ Gentechnik diene hier dem Tierschutz, so sein Argument.
Doch auch der Markt für Hund und Katze nach Maß ist groß. Denn viele Käufer lassen sich von Form, Fell• und Augenfarbe leiten. “Einige Tests sind ausschließlich dazu da, Wunschtiere zu züchten“, sagt Ottmar Distl von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. “Gerade bei der Farbe des Fells geht das einfach, weil sie meist nur über eine oder wenige Genvarianten festgelegt ist.“
Distl selbst erforscht vorwiegend Krankheiten, die ihre Ursache in mehreren Genen haben. Für die Hüftgelenksdysplasie etwa, eine typische Fehlbildung des Gelenks beim Hund, hat er zwanzig Stellen im Erbgut identifiziert. Drei weitere Genbereiche konnte er einer Form der angeborenen Taubheit bei Dalmatiner und Jack•Russell&bullTerrier zuordnen. Ob sie zuverlässig auf ein Krankheitsrisiko hindeuten, will Distl jetzt an etwa 2.000 Hunden überprüfen.
Wird ein Gen konsequent gemieden und die Tiere aus der Zucht ausgeschlossen, dann können allerdings andere Erkrankungen auftauchen. “Die Tierzüchter stürzen sich massiv auf solche Tests. Dabei beachten sie partout nicht die negativen Seiteneffekte, die sie sich einhandeln können“, klagt Distl. Ein Beispiel: Bei Cavalier•King•Charles•Spaniels wurde mit einem Gentest eine Erkrankung der Herzklappen zurückgedrängt. Doch plötzlich trat ein anderer Defekt immer häufiger auf, der zu Deformationen im Rückenmark und Gehirn führte.
“Ein Gentest darf nie stur angewandt werden. Der Züchter muss immer abwägen, was er sich damit einfängt“, warnt Distl. Jeder Laie kann Hunde züchten und dafür Blut• oder Haarproben in die Genlabore schicken. Diese Gentest•Euphorie macht Distl Sorgen. Dennoch ist er überzeugt, dass die Krankheitschecks viel Gutes bringen, wenn sie “mit Verstand“ genutzt werden:
“Man kann Leid verhindern und die genetische Vielfalt bewusst erhalten.“
Hundeliebhaber wünschen sich oft, dass ihr treuer Gefährte auch gut aussieht.
Durch Inzucht sind Rassehunde aber für Erbkrankheiten anfällig.
