Einmal „V“ einmal „Sg“ –und dann „G“

Diese Frage wird oft, wo die Ausstellungssaison bereits begonnen hat, mit mehr oder weniger Zorn im Herzen oft gestellt werden, denn die Fälle, wo der gleiche Hund von einem Richter als vorzüglich“, von einem anderen aber nur als sehr gut“ bewertet wird oder vielleicht sogar bloß noch die Qualifikation „gut“ erhält, bilden keine Seltenheit jedoch ausnahmen bei genauem hinschauen wie in der Bernhardinerszene tut sich diese bei Bewertungsumschreibung „G“ und „Sg“ sehr schwer. Wie ist das überhaupt möglich, wird man sich fragen; bestehen denn bezüglich der Exterieurbezeichnung des Hundes keine klar umschriebenen Normen?

Bekanntlich ist das äußere Erscheinungsbild jeder anerkannten Rasse in ihrem Standard mehr oder weniger glücklich und mehr oder weniger genau beschrieben, und an dieses in ihrem Geiste angeblich immer gegenwärtige Idealbild pflegen sich die Ausstellungsrichter bei der Beurteilung der ihnen vorgeführten Hunde im allgemeinen zu halten, wobei aber gewisse Modeströmungen und persönliche ausgeprägt in der Bernhardinerszene die Ansichten stets auch mit eine Rolle spielen. Denn außer der Körpergröße der Farbe und Beschaffenheit des Haarkleides und einiger besonders auffälliger anatomischer Einzelheiten bleibt gar manches den persönlichen Empfinden und Ermessen des jeweiligen Richters anheim gestellt. Und bekanntlich gilt die alte Weisheit: „De gustibus non est disputandum“ auch heute noch. Was liegt darum näher, als dass man die Schuld an der unterschiedlichen Beurteilung eines bestimmten Hundes der Fähigkeit beziehungsweise Unfähigkeit des jeweiligen Richters in die Schuhe schiebt!

Dabei berechtigt - wie ich hier zeigen möchte - die schlechtere Qualifikation des Hundes aber keineswegs immer auch gleich zu einem entsprechenden Urteil über den betreffenden Richter. Denn der Richter kann ja schließlich nur das beurteilen, was er sieht, und der gleiche Hund präsentiert sich bekanntlich aus den verschiedensten Gründen nicht immer gleich.

Denn im Gegensatz zu beispielsweise den Huftieren ist der Hund ein körperlich und seelisch sehr bewegliches und labiles Geschöpf. So stellt der Bewegungsapparat als statisch-dynamische Grundlage des Gebäudes bei Pferd und Rind zum Beispiel eine sehr solide, gleichzeitig aber auch weitgehend starre, Konstruktion dar. Denn alle an der Übernahme der beträchtlichen Körperlast dieser großen Pflanzenfresser mitbeteiligten Muskeln von Hals, Rumpf und Gliedmassen, insbesondere die Hals- und Rückenstrecker sowie die Bauch- und Schultergürtelmuskeln sind stark sehnig durchsetzt und darum weitgehend passiv tragfähig, dafür aber auch nur beschränkt beweglich. Ebenso sind alle Gelenke der Vorder- und Hintergliedmaßen von Pferd und Rind durch sehr starke Bänder und kräftige Sehnen oder sehnig durchwachsene Muskeln im Stand der Ruhe weitgehend, beim Pferd durch -bestimmte Mechanismen zum Teil sogar völlig passig, das heißt ohne aktive Muskelarbeit fixiert. Rinder, vor allem aber Pferde, können darum ohne zu ermüden sehr lange stehen und werden deshalb, wenn man sie in ihrer normalen Ruhestellung vor sich hinstellt, ihr äußeres Erscheinungsbild von Mal zu Mal kaum wesentlich ändern.

Das ist beim Hund nun ganz anders. Als einstiges Raubtier ist er relativ leicht gebaut, und sein Bewegungsapparat zeichnet sich vor allem durch große Geschmeidigkeit und Gelenkigkeit aus. Im Gegensatz zu den reinen Pflanzenfressern ist sein Verdauungsapparat nie mit großen Mengen schwerverdaulicher Futtermassen belastet und sein Körpergewicht darum verhältnismäßig gering. So erfordert das an sich schon feingliedrige Skelett des Hundes keine besonders starken Trag- und Fixationsvorrichtungen zur passiven Übernahme der Körperlast. Seine zierlich gebauten Gelenke sind viel mehr beweglich, und die Gelenksenden miteinander verbindenden Bänder, Sehnen und Aponeurosen sind nur schwach entwickelt. Aus all diesen Gründen ist die Skelettmuskulatur beim Hund nicht nur reicher gegliedert und so auch zur Auslösung der für den Hund charakteristischen großen und vielseitigen Beweglichkeit befähigt, sondern sie wird zudem in hohem Maße vom Körpergewicht belastet. Beim Hund dient die Muskulatur also nicht nur der Bewegung, sondern nebenher auch zur Fixation der Gelenke und damit der Stabilisierung des Gebäudes im Stand wie in der Bewegung.

Was also bei den Huftieren von rein passiven, das heißt unermüdbaren Halte- und Fixationsvorrichtungen bewerkstelligt wird, das muss beim Hund größtenteils durch aktive Muskelarbeit geleistet werden. Darum ermüdet der Hund relativ rasch, wenn er einige Zeit stehen soll, und hat immer wieder die Tendenz, sich zu setzen oder niederzulegen. Dank seiner differenzierteren Muskulatur ist er zwar vielseitiger beweglich und auf kürzere Strecken, vorab im Galopp, allenfalls auch schneller als das Pferd, aber er zeigt weniger Ausdauer und bald auch mehr oder weniger deutlich Ermüdungserscheinungen. So pflegen Hunde, die an Ausstellungen, wie beispielsweise die Deutschen Schäferhunde, nicht nur ein paar Schritte, sondern während mehrerer Runden in ausgreifendem Trab vorgeführt werden sollen, zur Schonung und Entlastung einzelner Muskelgruppen von Zeit zu Zeit immer wieder zu versuchen, ein paar Galoppsprünge oder Passgänge einzuschalten, was man ihnen gerechterweise eigentlich nicht übel nehmen dürfte.

Aber auch bei der Beurteilung im Stand spielt beim Hund die große Beweglichkeit und die stärkere Belastung seiner Muskulatur eine wesentliche Rolle. So ist bekanntlich kein Hund bereit, während längerer Zeit in gleicher Stellung zu verharren. Wenn er dazu nicht eigens ausgebildet wurde, wird er immer wieder bestrebt sein, seine Stellung zu ändern oder gar abzusitzen oder sich niederzulegen. Denn schon im Stehen braucht er seine Hals-, Rücken- und übrigen Rumpfmuskeln, um sich, straff aufgerichtet, in der erwünschten Position zu präsentieren und seine Schultergürtel- und Gliedmaßenmuskeln, um das Gewicht seines Körpers mittragen zu helfen. Der gleiche Hund wird sich darum ganz verschieden zeigen und verhalten, je nachdem, ob er ausgeruht und bei voller Gesundheit ist, oder ob er sich müde und schlapp fühlt, oder vielleicht an einer Verdauungsstörung leidet.

Dazu kommt aber noch, dass der Hund - wie gesagt - nicht nur physisch, sondern auch psychisch sehr beweglich und labil ist. Und so hängt denn die Haltung und damit das ganze äußere Erscheinungsbild eines bestimmten Hundes in hohem Maße auch von seiner Wesensveranlagung einerseits und seiner momentanen Stimmung und psychischen Verfassung andererseits ab. Ein wesenssicherer Hund wird sich im Ring immer ganz anders präsentieren als ein scheues und ängstliches Tier; und beide werden sich in der Regel verschieden verhalten und damit auch einen mehr oder weniger vorteilhaften Eindruck machen, je nachdem, ob sie vom eigenen AUSBILDER/HALTER oder einer Fremdperson vorgeführt werden. Und selbst ein sicherer und unerschrockener Hund kann durch ein barsches Wort seines Führers oder irgendwelche Umwelteinflüsse einer ihm fremden Umgebung oder eines aggressiven Rivalen so sehr alteriert werden, dass er sich nicht so präsentiert, wie er sich ungehemmt in einer ihm vertrauten Situation zeigen würde. Denn der Hund ist nun einmal ein sehr sensibles Geschöpf und pflegt seine wechselnden Gefühle und Stimmungen mit seiner Mimik, seinen Bewegungen und seiner Körperhaltung unmissverständlich und darum auch unübersehbar zum Ausdruck zu bringen. Darum erscheint jeder Hund im Affekt ein bis zwei Zentimeter größer und in gedrückter oder ängstlicher Stimmung um ebensoviel kleiner, als er in Wirklichkeit, das heißt bei ausgeglichener Gemütslage, tatsächlich ist. Bei guter Kondition und voller, interessierter Aufmerksamkeit sind seine Muskeln gestrafft, der Körper aufgerichtet, der Rücken gespannt, die Ohren gespitzt, und die Rute wird mehr oder weniger hoch getragen. Ist der gleiche Hund aber, vielleicht infolge einer langen Anreise, übermüdet, oder fühlt er sich aus irgendeinem Grund nicht wohl, unsicher oder verängstigt, dann fehlt seiner Muskulatur die innere Spannung, der Rücken ist schlaff, die Rute hängt oder wird eingeklemmt. und das ganze Tier macht einen schlappen und darum auch wenig attraktiven Eindruck.

Und so kann es dann geschehen, dass das mit Stolz heimgebrachte „Vorzüglich“ unter einem anderen, unter Umständen aber auch unter dem gleichen Richter ein nächstes Mal zu einem „Sehr gut“ oder gelegentlich sogar zu einem „Gut“ wird. Denn der Richter kann und soll ja nur darüber ein Urteil abgeben, was er am Tag der Ausstellung zu sehen bekommt; eine Aufgabe, die ihm, wenn er den Hund kennt, allerdings nicht immer leicht fallen mag. Auf jeden Fall aber wäre es falsch, die gelegentliche Abwertung einer Qualifikation immer gleich mit der Unfähigkeit der Richter begründen zu wollen. Denn auch das Umgekehrte kommt bekanntlich vor, und auch dafür wird man ja nicht den Richter allein verantwortlich machen wollen.

VDH - Hundeführerschein - Prüfer


(AUSBILDER ZUM HUNDEHALTER • SCHAUTRAINER)
Lizenziert: Trainer, Obedience, Agility,
seit gepr. RTHF (1967)


Weitere Vorschläge, Reaktionen, Beschwerden, Anmerkungen sind willkommen und werden nicht ignoriert :
Bernhardiner -info
© seit 1998 by Wilhelm Block
"Mailnachrichten Werden Vertraulich Behandelt"

oder

Web-Seiten » Kommentar hinterlassen